Die Mutter aller Festmahle

Picassos Festessen für Rousseau

Seinen ersten Rousseau kaufte Pablo Picasso im Herbst 1908 von einem Trödler, der ihm das Portrait of a Woman für fünf Francs überließ. Ein echtes Schnäppchen – Henri Rousseaus Porträt einer Frau ist heute Millionen wert. Um die Entdeckung gebührend zu feiern, ließ Picasso sich nicht lumpen und gab ein Festessen zu Ehren des vierzig Jahre älteren Kollegen. 

Die Gäste, darunter der Maler Georges Bracques, der Schriftsteller Guillaume Apollinaire und die amerikanische Kunstsammlerin und Schriftstellerin Gertrude Stein, trafen sich vorher in einer Bar in Montmartre zum Aperitif. Die Malerin Marie Laurencin kippte sich einen Drink nach dem anderen in die Kehle, kletterte sodann trunken auf einen Stuhl und grölte durchs ganze Lokal. Als die amüsierwillige Künstlerclique endlich die Bar verließ, mussten Gertrude und Leo Stein sie in die Mitte nehmen und den hügeligen Weg zu Picassos Atelier hinaufschleppen. Die trinkfreudige Gesellschaft hatte kaum Platz genommen, da klopfte es zaghaft an der Tür. Rousseau, der seine Violine mitgebracht hatte, betrat etwas unbeholfen den Raum. Sein ganzes Leben lang war sein naiver, primitiver Stil verspottet worden, nun wurde er endlich anerkannt. Rousseau weinte vor Rührung. Dann begann das Festmahl.

Ein Dessert gab es wohl nicht (Foto: Klaus Klische)

Picasso ließ sich die Hommage 50 Flaschen Wein kosten, und seine Gäste hatten ihrerseits Getränke mitgebracht. Fernande Olivier hatte Riz à la Valenciennes gekocht; bei einem Händler hatte Picasso weitere Gänge tafelfertig bestellt, doch der lieferte nicht, sodass das Festmahl etwas karg ausfiel. Lapin Agile, ein Original von Montmartre, kam auf einen Drink vorbei und brachte seinen Esel mit, der Alice Toklas prompt die Blumen vom Hut fraß. Marie Laurencin ließ sich weiter vollaufen, wurde von ihrem Liebhaber Apollinaire aber kurz nach draußen gezerrt und kehrte „lädiert, aber nüchtern“ zurück, wie Gertrude Stein trocken bemerkte.

Dann stieg der Schriftsteller André Salmon auf den wackligen Tisch, hielt ein improvisiertes Lobgedicht auf Rousseau, schnappte sich ein Glas und fing an zu randalieren. An das Ende der Party, die in zahlreichen Autobiografien erwähnt wird, konnte sich später niemand mehr erinnern. Das Essen zu Ehren Henri Rousseaus ging aber als Mutter aller Festmahle in die Geschichte ein. In den Zwanzigerjahren war es Vorbild vieler Diners, von denen Suzanne Rodiguez-Hunter in ihrem in jeder Hinsicht köstlichen Kochbuch Rendez-vous im literarischen Paris 1996 erzählte.

Die Kunstsammlerin Gertrude Stein (Foto: dbajurin)

Paris war damals das unbestrittene Zentrum der modernen Kunst und des guten Geschmacks. Vor allem amerikanische Schriftsteller, Musiker und Maler nutzten den für sie günstigen Wechselkurs und ließen sich am linken Seine-Ufer nieder. Gershwin war da und Cole Porter, Erik Satie und Strawinsky. Die Tänzerin Isadora Duncan gab Feten, die in Paris begannen, in Venedig fortgesetzt wurden und auf dem Nil endeten. Partylöwen wie F. Scott Fitzgerald (Der große Gatsby) strandeten hier ebenso wie das „Nachtgewächs“ Djuna Barnes oder der Dadaist Man Ray. John Dos Passos verfasste in Paris nicht nur seine USA-Trilogie, sondern besuchte mit Ernest Hemingway auch gerne die Sechstagerennen im Vélodrome d’Hiver – wobei ihn weniger die Radler interessierten als die kalten Brathähnchen, die Kaninchenpaté, der französische Käse und eine Flasche Muscadet.

Wie der Ire James Joyce, dessen zweiter Roman Ulysses über das derbe Leben des Dubliner Proletariats in Paris von der Buchhändlerin Sylvia Bach (Shakespeare and Company) publiziert wurde, kamen viele nur mit ein paar Dollar in Paris an. So sparte sich Gertrude Stein ihre ersten Gemälde von ihrer Kleidung ab. Nach und nach erstand sie Werke von Renoir, Cézanne und Toulouse-Lautrec, von Gauguin, Picasso oder Matisse, mit denen ihr kleines Atelier bis unter die Decke vollgehängt war. Es war praktisch das erste Museum für moderne Kunst und nur samstags geöffnet: wenn Gertrude Stein die kulturelle Elite um sich scharte und Hof hielt.

Sylvia Bachs Buchhandlung Shakespeare and co (Foto: masterlu)

Nicht alle Literaten arbeiteten so diszipliniert wie Ernest Hemingway, der in Paris u.a. die Romane Fiesta und In einem anderen Land schrieb. Als Josephine Bakers Stern am Pariser Himmel aufleuchtete, tanzte er mit ihr einen Abend lang engumschlungen im Nachtclub Le Jockey. Hemingway, dem ihr Name damals noch nicht geläufig war, wunderte sich, dass sie ihren Pelzmantel trotz der Hitze nicht ablegte – bis sie ihm verriet, darunter nur ihr „Bühnenkostüm“ anzuhaben.

Eine legendäre Figur im Paris der Zwanzigerjahre war auch ein ehemaliger Fliegengewichtsboxer aus Liverpool, den alle nur „Jimmie the Barman“ nannten. James Chartes, so sein richtiger Name, war ein begnadeter Mixer, und wenn er den Job wechselte, was häufig vorkam, folgten ihm seine Stammgäste in die nächste Bar. Denn zwei Gläser seines Cocktails Jimmie Spezial bewirkten, dass sich Frauen in aller Öffentlichkeit auszogen. Das Rezept aus Suzanne Rodriguez-Hunter wunderbarem Buch gilt für zwei Portionen: 1 Schnapsglas Cognac und je 2 Gläser Pernod, Amer-Pico, Mandarin und Kirschwasser in einen Cocktailmixer gießen und gut schütteln. Der Jimmie Spezial wird pur oder mit Soda getrunken. Viel Erfolg!

Auszug aus Gastromania (217 Seiten, Euro 9,99), erhältlich in allen Online-Buchshops und Buchhandlungen oder bei www.bod.de

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