Rock’n’Roll-Hotels

Das Hotel macht die Musik

Los Angeles ist weltberühmt für seine Rock’n’Roll-Herbergen. Das legendärste Künstlerhotel steht aber in New York.

Im Hyatt on Sunset, wo Led Zeppelin einst im elften Stock Motorrad fuhren und Drinks in die davor parkenden Cabrios schütteten, hing früher an der Rezeption ein Bild, das einen abstoßenden, langhaarigen Rock’n’Roller zeigte: „Behandle diesen Menschen mit Respekt – er könnte gerade eine Million Platten verkauft haben.“
Das Sunset Marquis in der North Alta Loma Road von Los Angeles, das die Stones, Bruce Springsteen oder Guns N’ Roses zu seinen Stammgästen zählt, warb später gar mit dem Slogan: „More tattoos per guest than any other leading hotel.“ Das Morrison Hotel in der South Hope Street wurde zum Wallfahrtsort für Rock’n’Roll-Fans, nachdem man die Doors 1970 unerlaubterweise dort für das Cover ihres gleichnamigen Albums fotografiert hatte. Das Beverly Hills Hotel, in den Siebzigerjahren die Lieblingsabsteige von John Lennon und Yoko Ono, profitierte nachhaltig vom Eagles-Hit „Hotel California“. Und Tom Waits besang das mittlerweile längst abgerissene Tropicana Motel auf dem Santa Monica Boulevard von Los Angeles, dessen Kakerlaken Ian Gillan von Deep Purple „beim Namen“ kannte: „Einige von ihnen schreiben mir bis heute Weihnachtskarten.“

Die legendärste Rock’n’Roll-Herberge steht allerdings nicht in
Los Angeles, sondern in New York. Das 1884 gebaute Chelsea Hotel
in der Twenty-third Street, Ecke Seventh Avenue war „unter Schriftstellern, Künstlern, Filmemachern und Musikern lange Zeit die Adresse schlechthin“. Hier lebten sowohl Mark Twain, Thomas Wolfe und Tennessee Williams als auch Patricia Highsmith, Paul Bowles und Ernest Hemingway, Vladimir Nabokov und Arthur Miller (nach der Trennung von Marilyn Monroe). Bette Davis und Jane Fonda wohnten im Chelsea ebenso wie die Pop-Art-Künstler Willem de Kooning, Roy Lichtenstein und Robert Rauschenberg. William Burroughs vollendete Naked Lunch im Chelsea, Arthur C. Clarke schrieb das Drehbuch zu 2001 – Odyssee im Weltraum und Milos Forman arbeitete am Film Einer flog übers Kuckucksnest. Die Opernregisseurin Katherine Dunham ließ Aida im Foyer proben – mit echten Löwen. Und Andy Warhol drehte hier den Film Chelsea Girls. Warhol, der – wie viele andere Künstler auch – seine Mietschulden mit Bildern beglich, die nun in der Eingangshalle hängen, war es schließlich auch, der das Chelsea der Rockszene öffnete. 

Nico zog es hierher und Jimi Hendrix, Frank Zappa und Buddy Miles, Patti Smith und Johnny Thunders. Die Beach Boys, Procol Harum und Grateful Dead, The Band, Soft Machine und MC5, Buffalo Springfield und Pink Floyd, die Allman Brothers und The Mamas And The Papas trugen sich in die Gästeliste ein. John Lydon wohnte nach dem Split der Sex Pistols monatelang auf Kredit im Chelsea. Und in Room Nr. 100 starb Nancy Spungen, die Freundin des Sex-Pistols-Bassisten Sid Vicious, der sie vermutlich im Drogenwahn erstochen hat. Bob Dylan schrieb hier die Songs für Blonde On Blonde und erinnerte sich 1975 im Song „Sara“, wie er sich „tagelang im Chelsea verkrochen und „Sad Eyed Lady Of The Lowlands“ für seine Frau geschrieben habe. Leonard Cohen verfasste „Chelsea Hotel No. 2“, einen bitterbösen Abschiedsbrief an Janis Joplin, mit der er Sex im Fahrstuhl hatte. Jefferson Airplane besangen „The Third Week At The Chelsea Hotel“ und Joni Mitchell beschwor den „Chelsea Morning“ – diesem Song verdankt die Tochter eines US-Präsidenten, Chelsea Clinton, ihren Namen.
Warum das Hotel unter Künstlern so beliebt war, erklärte der Portier
Gene Winsfield mit seiner einzigartigen Atmosphäre. Die sei eben „so kreativ, dass hier sogar Nutten schwanger werden“.

Auszug aus „Gastromania“ von Hollow Skai (217 Seiten, Euro 9,99), erhältlich in allen Online-Buchshops und Buchhandlungen oder bei www.bod.de

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