Mitternacht im Garten von Gut und Böse

„Geh und hol Rum, Darby!"

In seinem Doku-Roman „Mitternacht im Garten von Gut und Böse“ beschrieb John Berendt 1994 die lokalen Unterschiede im US-Bundesstaat Georgia: „Wenn du nach Atlanta kommst, fragt man dich zuerst, womit du dein Geld verdienst. In Macon, in welche Kirche du gehst. In Augusta fragen sie nach dem Mädchennamen deiner Großmutter. In Savannah jedoch lautet die erste Frage: ,Was möchten Sie gern trinken?’“

Berendt zufolge ist Madeira ein rituelles Getränk, mit dem man dort ein Missgeschick zelebriert: „Im 18. Jahrhundert schickten die Briten ganze Schiffsladungen mit Weinstöcken aus Madeira herüber, in der Hoffnung, dass die Kolonie Georgia in Zukunft Wein anbauen würde. Die Weinstöcke gingen ein, doch Georgia behielt seine Vorliebe für Madeira. Im Obergeschoss des Pirates‘ House, einem 1753 als Matrosenkneipe eröffneten Restaurant, starb angeblich Captain John Flint, der blutdürstige Pirat mit dem blauen Gesicht aus Robert Louis Stevensons Roman Die Schatzinsel. Auf dem Totenbett soll er seinen letzten Befehl gerufen haben: „Geh und hol Rum, Darby!“ Und weil in Savannah traditionell getrunken wurde, hatten die Tankstellen in der Abercorn Street während der amerikanischen Prohibition Whiskey aus den Benzinpumpen ausgeschenkt.

Auf dem Bonaventure-Friedhof von Savannah liegen die Eltern des Schriftstellers Conrad Aiken begraben. Sein Vater hatte im Februar 1901 erst seine Frau erschossen, weil sie zu viele Partys gab, und dann sich selbst. Aiken, der darüber später eine Kurzgeschichte – „Strange Moonlight“ – schrieb, wurde von Verwandten im Norden aufgenommen, studierte in Harvard und erhielt den Pulitzer-Preis, verbrachte aber seine letzten elf Jahre wieder in Savannah. Er lebte unmittelbar neben dem Haus, in dem er als Kind gelebt hatte, und packte oft einen Martinishaker und silberne Kelchgläser ein, wenn mit seiner Frau das Grab seiner Eltern besuchte, auf das er etwas Wein schüttete. Seinen eigenen Grabstein ließ er in Form einer Bank bauen, auf der sein Name und der eines Schiffes steht, das er von dort aus entdeckt hatte: „Cosmos Mariner, mit unbekanntem Ziel“. Aiken wollte, dass die Menschen nach seinem Tod dorthin kommen und wie er Martinis trinken und Schiffe beobachten.

Auszug aus Gastromania (217 Seiten, Euro 9,99), erhältlich in allen Online-Buchshops und Buchhandlungen oder bei www.bod.de

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