Die grüne Fee

Ein Glas und du bist tot

Bevor Absinth in Europa und den USA wegen seiner die Gesundheit schädigenden Wirkungen verboten wurde, war das 1737 im Schweizer Kanton Neuchatel erfundene Heilexilier eine ähnliche Modedroge wie Haschisch in den Sechziger- oder Ecstasy in den Neunzigerjahren. 

1860 traf man sich zur sogenannten „grünen Stunde“, der „heure verte“, in Paris und anderen französischen Metropolen zwischen 17 und 19 Uhr, um einen Zuckerwürfel über einem Glas Absinth zu erhitzen und den Wermutschnaps immer wieder mit Wasser zu verdünnen. Absinth war die erste hochprozentige Spirituose, die soziale Konventionen außer Kraft setzte und es auch Frauen, die nicht zur Halbwelt gehörten, gestattete, sich öffentlich zu berauschen.
Spätestens zu Beginn der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte Absinth sich als Getränk der Bohème etabliert. Poeten wie Charles Baudelaire oder Arthur Rimbaud gaben sich ihm ebenso hin wie die Maler Paul Gauguin, Henri Toulouse-Lautrec oder Vincent van Gogh, dem nachgesagt wird, dass er sich im Absinthrausch ein Ohr abgeschnitten habe.
Unter Intellektuellen erfreute sich Absinth eines solch großen Zuspruchs, dass es Hannes Bertschi und Marcus Reckewitz, den Autoren des anekdotischen Sachbuchs Von Absinth bis Zabaione, erschien, als sei „die gesamte europäische Elite der Literatur und der bildenden Künste im Absinthrausch durch das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert getorkelt“.

Doch nicht nur unter Intellektuellen galt es als chic, Absinth zu
konsumieren. Erstmals tranken auch Arbeiter ein alkoholhaltiges
Getränk in größeren Mengen, weil ein Glas nur drei Sous kostete und
man damit stundenlang in einer Bar verweilen konnte. Für viele wurde es zur Gewohnheit, nach der Arbeit nicht in ihre engen Wohnungen zurückzukehren, sondern in einer Bar einzukehren, von denen es zur Jahrhundertwende allein in Paris mehr als elf pro tausend Einwohner gab. 1912 betrug der Jahreskonsum von Absinth in Frankreich denn auch 221,9 Mio. Liter. Zwei Jahre später lag die von erwachsenen Franzosen pro Kopf konsumierte reine Alkoholmenge bei jährlich 30 Litern. (Damit verglichen leben die Iren, die heute mit 14,2 Litern weltweit die Statistiken des Alkoholkonsums anführen, fast schon abstinent.)
Heruntergekommene Absinthsäufer gaben somit immer wieder
Motive der damaligen Malerei und der Literatur ab. Edouard Manets
Gemälde Der Absinthtrinker erregte mit seinem Sujet eines verwahrlosten Alkoholikers 1859 großen Anstoß und wurde vom Auswahlkomitee des Pariser Salons abgelehnt; die literarische Vorlage zu dem Gemälde hatte Charles Baudelaire geliefert, der selbst Absinth in großen Mengen konsumierte und damit seine durch Syphilis verursachten Schmerzen und Schwindelgefühle bekämpfte. Honoré Daumier und André Gill karikierten Absinthtrinker ebenso wie Edgar Degas, dessen Gemälde Der Absinth 1876 ein apathisch in einer Bar sitzendes Pärchen zeigte.
Henri Toulouse-Lautrec porträtierte 1887 seinen Kollegen Vincent
van Gogh. Paul Gauguins Dans un café à Arles zeigte Barbesucher
beim Konsum von Absinth. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts malte auch Pablo Picasso wiederholt Absinthtrinker. Neben verschiedenen Bildern aus seiner Blauen Periode wie zum Beispiel Buveuse assoupie aus dem Jahr 1902, entstand 1911 auch sein kubistisches Gemälde Das Glas Absinth und 1914 eine Skulptur gleichen Titels.

Dabei hatte die Heilkundlerin Hildegard von Bingen Wermutabkochungen in Wein einst als Entwurmungsmittel empfohlen. Hinweise darauf, dass man schon früher Artemisia-Kräuter wie Beifuß zu Heilzwecken verwendete, finden sich auch in Texten aus der Zeit von 3550 bis 1550 vor Christus. Sogar das Alte Testament bezieht sich gleich an mehreren Stellen auf die Bitterkeit von Artemisia-Kräutern. Und noch 1830, als Frankreich Algerien besetzte und die unzureichenden sanitären Einrichtungen zu Epidemien unter den französischen Soldaten führten, wurden diese von Militärärzten mit einer Mischung aus Wein, Wasser und Absinth bekämpft. Allein Pernod konnte so seine Absinthproduktion auf täglich 20.000 Liter steigern.
Auf dem Höhepunkt der Absinth-Popularität spielten heilkundliche
Aspekte allerdings keine Rolle mehr. Für Schwindelanfälle, Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Krämpfe, Depressionen, Blindheit sowie geistigen und körperlichen Verfall wurde vor allem das im Absinth enthaltene Thujon verantwortlich gemacht, ein Nervengift, dessen Gehalt in alkoholischen Getränken heute von der Europäischen Union begrenzt wird. Mittlerweile werden die damals festgestellten gesundheitlichen Schäden aber auf die schlechte Qualität des Alkohols und die hohen Alkoholmengen zurückgeführt, die zu der Zeit konsumiert wurden. Der verwendete Alkohol war oft minderwertig und enthielt neben Amylalkohol und anderen Fuselölen auch Methanol, das Schwindel, Kopfschmerzen und Übelkeit bewirken und zu Erblindungen oder Schüttellähmungen führen kann. Weshalb zurecht vor Absinth gewarnt wurde: „Ein Glas und du bist tot.“

Nachdem Absinth 1915 in vielen Ländern verboten worden war,
musste sich Berthe Zurbuchen, die achtzig Jahre lang im Val de Traverse, wo Absinth einst erfunden wurde, illegal Absinth gebrannt hatte, in den 1960er Jahren vor Gericht verantworten. Als sie zu einer Strafe von 3.000 Franken verurteilt wurde, fragte sie den Richter, ob sie sofort zahlen solle oder erst, wenn er das nächste Mal vorbeikäme, um sich seine wöchentliche Ration abzuholen. Nach der Verurteilung strich sie ihr Haus demonstrativ absinthgrün.
Erst als ein Importeur von Spirituosen in den 1990er Jahren entdeckte, dass es in Großbritannien keine spezifische Gesetzgebung gab, die den Verkauf von Absinth untersagte, begann eine tschechische Brennerei damit, für den britischen Markt wieder Absinth herzustellen. Der beginnende Wiederausschank wurde von einer Reihe von Artikeln in Lifestyle-Magazinen begleitet, die sich mit seiner halluzinogenen und erotisierenden Wirkung befassten und elaborierte Trinkrituale schilderten. Filme wie Bram Stoker’s Dracula griffen Absinth als epochentypisches Ausstattungsmerkmal auf. 2001 berauschte sich Johnny Depp in From Hell auf seiner Jagd nach Jack the Ripper an smaragdgrünem Absinth. Nicole Kidman spielte in Moulin Rouge eine Tänzerin, die langsam an Absinth zugrunde geht, und Kylie Minogue war im Vorspann als grüne Fee zu sehen. Und wie zuvor schon Oscar Wilde, Edgar Allen Poe oder Ernest Hemingway sprang auch der Schock-Rocker Marilyn Manson auf den Absinth-Zug auf, als die Modedroge der Pariser Bohème ab 1998 in den meisten europäischen Staaten wieder frei erhältlich war.
Immerhin hatte das Verbot dazu geführt, dass das Absinth-Substitut
Pastis, für dessen Herstellung kein Wermut verwendet, das aber
ebenfalls mit Wasser verdünnt wird, für einen Ausgleich in den einst
grünen Stunden sorgt.

Auszug aus „Gastromania“ von Hollow Skai (217 Seiten, Euro 9,99), erhältlich in allen Online-Buchshops und Buchhandlungen oder bei www.bod.de

Fotos: Deposit

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