Gescheiterte Nudelrevolution

Die futuristische Küche

Der faschistische Diktator Benito Mussolini mochte keine Pasta, weil „ein Volk von Spaghetti-Essern“ nicht in der Lage sei, „die römische Zivilisation neu zu beleben“, und Italien sich vom Import ausländischen Weizens abhängig mache.

Als Filippo Tommaso Marinetti und Luigi Fillia Colombo 1930 in der Turiner Gazzetta del Popolo ihr Pamphlet Die futuristische Küche veröffentlichten, regte sich Widerstand gegen die „vollständige Erneuerung der italienischen Kochkunst“, die nötig sei, um der italienischen „Rasse“ neue heroische und dynamische Kräfte einzuflößen.

In einer Radioansprache, die aus dem Mailänder Restaurant Zur Gänsefeder übertragen wurde, das avantgardistische Gerichte wie einen Morgenröte-Salat, eine Rosen-Bouillon oder Zuckerwatte-Regen servierte, hatte Marinetti kurz zuvor, ganz im Sinne Mussolinis, gefordert: „Die Nudel ist ein Lebensmittel von gestern, weil sie träge und hässlich macht, über ihren Nährwert täuscht, weil sie skeptisch, langsam, pessimistisch stimmt.“ Und hinzugefügt: „Der Patriot bevorzugt stattdessen den Reis.“ Die Pastasciutta hielt er für eine „absurde Religion der italienischen Gastronomie“, und langfristig setzte er sich für die Abschaffung von Minestrone, Saltimbocca oder Tiramisu zugunsten von Pulvernahrung und Gerichten wie „Alaska-Lachs in Sonnenstrahlen mit Mars-Soße“ oder „Äquator + Nordpol“ ein. Denn Nudeln stammten nicht nur von den Ostgoten und seien einst von den Barbaren nach Italien importiert worden, wie es in dem Pamphlet der Futuristen hieß. Sie würden auch den Kampfgeist der Italiener schädigen, weil sie zu ironischem und sentimentalem Skeptizismus führten, der ihren Enthusiasmus beschneide und ihre Libido hemme.

Trotz aller Proteste gegen Marinettis Küchenpolitik eröffnete Nikolay Diulgheroff im März 1931 in Turin das erste futuristische Restaurant, die Taverne zum Heiligen Gaumen. Sein 14 Gänge umfassendes Menü enthielt neben einer Sonnensuppe und einer „Fleischplastik“ auch ein mit Stahlkugeln gefülltes „Fiat-Huhn“, ein „Exaltiertes Schwein“ (eine in Espresso und Eau de Cologne eingelegte Salami) und eine „greifbare Luftspeise mit Geräuschen und Gerüchen“ und nahm Fingerfood und die molekulare Küche gewissermaßen vorweg.

Die rundum mit Aluminium ausgekleidete Taverne sorgte für eine „Atmosphäre von Metallischkeit, Glanz, Elastizität und Klarheit“ und selbst die Werbung für das Turiner Bier Birra Metzger, das dort ausgeschenkt wurde, war futuristisch gestylt. Weshalb ein Redakteur der Tageszeitung La Stampa das Restaurant in einem Atemzug mit der Entdeckung Amerikas, der Erstürmung der Bastille, dem Frieden von Wien und dem Versailler Vertrag nannte.

In seinem futuristischen Manifest hatte Marinetti bereits 1909 den Krieg als „einzige Hygiene der Welt“ verherrlicht und eine „Verachtung des Weibes“ gefordert. Aus reichem Hause stammend, hatte er dazu aufgerufen, Bibliotheken abzufackeln, Museen unter Wasser zu setzen und die „ehrwürdigen Städte“ Italiens mit der Spitzhacke niederzureißen.

Damit hatte er dem italienischen Faschismus den Boden bereitet, seine futuristische Nudel-Revolution ging aber selbst jenen zu weit, die 1940 bereitwillig an der Seite von Hitlers Deutschland in den Zweiten Weltkrieg zogen. Erst 1968 erinnerte man sich wieder an Marinetti – als der französische Erfinder Alain Dham eine elektrisch betriebene Gabel vorstellte, die das Aufrollen von Spaghetti erleichtern sollte, aber schon bald wieder in Vergessenheit geriet.

Auszug aus Gastromania (217 Seiten, Euro 9,99), erhältlich in allen Online-Buchshops und Buchhandlungen oder bei www.bod.de

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