Nicht ohne meine Stammkneipe

Helden des Alltags

Wenn die Gäste ausbleiben, bangen Gaststätten um ihre Existenz. Eine Hamburger Waschbar kämpft mit viel Fantasie ums Überleben.

Die Laundrette im Hamburger Szene-Stadtteil Ottensen war schon immer eine Bar der etwas anderen Art. Dort konnte man nicht nur Cocktails trinken und an den Wochenenden tanzen, sondern auch seine Wäsche waschen. Die Bundesligaspiele des HSV wurden in dieser Waschbar ebenso übertragen wie die des FC St. Pauli. Die Waschmaschinen dienten bereits als Bühne für Burlesque-Shows, Lesungen und Konzerte. Mittendrin wurden auf Miniplatten Tischtennis-Turniere ausgetragen. Und einige Stammgäste feierten dort sogar ihre Hochzeit. 

Die Laundrette diente in den vergangenen Jahren aber nicht nur dem Amüsement, sondern war auch Anlaufstelle für Kleideraktionen zugunsten von Flüchtlingen. Im Herbst 2019 erbrachte eine Kunstauktion 1.000 Euro, die dem Obdachlosen-Duschbus Go Banyo gespendet wurden. Und dafür, dass er alle Hamburger Radiosender dazu überredet hatte, um Punkt 12 Uhr mittags John Lennons „Imagine“ aus Protest gegen einen Nazi-Aufmarsch zu spielen, erhielt der Barlord der Laundrette, Stephan Fehrenbach, 2016 den Deutschen Radiopreis

Barlord Stephan Fehrenbach bei der Verleihung des Deutschen Radiopreises

Um nun selbst über die Runden zu kommen und die durch den Coronavirus ausgelöste Krise zu überstehen, ist man dazu übergegangen, die Kundschaft per Livestream zu unterhalten. Wer die Website der Bar aufruft, kann zusehen, wie Barkeeper Cocktails mixen, DJs Platten auflegen oder Autoren aus ihren Werken vorlesen. Und wer seine Stammkneipe auch finanziell unterstützen will, kann während der Livestreams etwas spenden. So erhielten immerhin die DJs einen Verdienstausgleich.

Solange der Barbetrieb nicht stattfinden kann, wird jeweils sonntags von 18:30 – 20:00 Uhr mit dem Laundrette Music Club ein neues Format gestreamt. Am vergangenen Sonntag las zum Beispiel Hollow Skai vom Magazin der Gastro Vision kurze Geschichten über Drinks und Alkoholika vor und spielte dazu Trinklieder der Toten Hosen oder von den Doors. Und am kommenden Sonntag will Skai anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Band Ton Steine Scherben Songs (nicht nur) von Rio Reiser vorstellen. Das sind natürlich nur Tropfen auf den heißen Stein, aber was tut man nicht alles für seine Stammkneipe.

Bei all der Sorge um seine Existenz denkt der Laundrette-Chef aber nicht nur an sich. Damit auch sein Weinhändler überlebt, können seine Gäste bei ihm Wein für zuhause bestellen. Und Krankenschwestern und Pflegekräfte können ihre Wäsche in die Bar bringen und kostenlos reinigen lassen. Stephan Fehrenbach hat eben, so ein Stammgast, „das Herz auf dem richtigen Fleck“.

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